Mainz 1976: Kälterekorde, Mordfälle und der Aufstieg des Glockenbaums
Heidelore BinnerMainz 1976: Kälterekorde, Mordfälle und der Aufstieg des Glockenbaums
Die ersten Monate des Jahres 1976 brachten eisige Temperaturen nach Europa, wobei am Frankfurter Flughafen Ende Januar –22 °C gemessen wurden. Unterdessen trieb Mainz die langfristigen Sanierungsarbeiten in der Altstadt voran – ein 1972 gestartetes Projekt zum Wiederaufbau von Wohnraum und kulturellen Wahrzeichen. Dazu zählte auch der Glockenbaum, eine markante Bronzeskulptur, die bereits ein Jahr zuvor vor dem Bildungsministerium enthüllt worden war.
Im April 1969 war in einem Tunnel der Mainzer Zitadelle ein 47-jähriger jugoslawischer Tagelöhner totgeschlagen aufgefunden worden. Der Fall blieb bis Februar 1975 ungelöst, als ein 21-Jähriger wegen des Mordes zu einer achtjährigen Jugendstrafe verurteilt wurde.
Die Stadterneuerung schritt indessen voran: Bis 1976 waren 145 neue Sozialwohnungen fertiggestellt worden, um Verluste durch frühere Abrisse auszugleichen. Für das Altstadtprojekt wurden über 13 Millionen Mark bereitgestellt, die Fertigstellung war für 1983 oder 1984 geplant.
An der Johannes Gutenberg-Universität Mainz stieg die Studentenzahl im Wintersemester 1975/76 trotz strenger Zulassungsbeschränkungen (Numerus clausus) auf über 19.000. Die finanzielle Belastung zeigte sich im November 1975, als das Studentenwerk wegen eines Defizits von 800.000 Mark in der Studentenversorgung einen zweitägigen Boykott der Mensa organisierte.
Der Haushalt der Stadt Mainz für 1976/77 belief sich auf 916 Millionen Mark, wobei über ein Fünftel in den Sozialbereich floss. Das Universitätsklinikum, das mit 180 Millionen Mark operierte, erhielt fast 50 Millionen Mark an Landeszuschüssen.
Seit Januar 1975 prägt der Glockenbaum – sieben Meter hoch und drei Tonnen schwer – als Wahrzeichen das Stadtbild. Die 14 Nachbildungen von Glocken, von denen jede 68 kleinere enthält, waren für 160.000 Mark gefertigt worden.
Über Mainz hinaus forderte die extreme Kältewelle im Januar 1976 in Europa mindestens 20 Todesopfer.
Der Glockenbaum steht heute als festes Denkmal in der Mittleren Bleiche, während die Altstadtsanierung weiterhin das Gesicht von Mainz verändert. Mit einem Haushalt, der Soziales und Bildung priorisiert, sollen laufende Projekte Wachstum und Bürgerbedürfnisse in Einklang bringen. Die Kältekatastrophe von 1976 jedoch hinterließ eine kurze, aber tödliche Spur in der Regionalgeschichte.






