Nachbarschaftshilfe boomt – doch viele lassen Geld und Unterstützung liegen
Thea LübsNachbarschaftshilfe wächst in Sachsen-Anhalt - Nachbarschaftshilfe boomt – doch viele lassen Geld und Unterstützung liegen
Immer mehr Menschen in Deutschland haben Anspruch auf finanzielle Unterstützung als Nachbarschaftshelfer – 2024 stieg die Zahl der Berechtigten um 23 Prozent. Dieser Anstieg hängt mit dem demografischen Wandel und einer wachsenden Zahl versicherter Personen zusammen. Dennoch zögern viele trotz Bedarf, die ihnen zustehenden Leistungen zu beantragen oder Hilfe in Anspruch zu nehmen.
In Sachsen-Anhalt wurden bereits über 4.000 Freiwillige zu Nachbarschaftshelfern ausgebildet. Sie übernehmen wichtige Aufgaben wie Einkäufe erledigen, im Haushalt helfen oder Begleitung zu Terminen. Über die Pflegeversicherung können sie bis zu 131 Euro monatlich als Entlastungsleistung erhalten. Doch nur 56,7 Prozent der Anspruchsberechtigten in der Region haben diese Unterstützung im vergangenen Jahr tatsächlich genutzt.
Eine dieser Helferinnen ist Kerstin Kränzel, 60 Jahre alt und im Ruhestand. Sie geht wöchentlich mit einer älteren Frau einkaufen, um sie sozial einzubinden. Kränzels Motivation speist sich aus ihren Erinnerungen an die engen Wohngemeinschaften in der DDR, wo Nachbarn füreinander da waren. Ihr Engagement steht für einen größeren Trend: 70 Prozent der Nachbarschaftshelfer sind Frauen, viele von ihnen Rentnerinnen oder kurz vor dem Ruhestand.
Obwohl es in ganz Deutschland lokale Initiativen gibt – von Berlin bis Bayern –, fehlen bundesweite Zahlen, wie viele Nachbarschaftshelfer aktiv sind. Das mangelnde Datenmaterial erschwert es, die Beteiligung zu bewerten oder Regionen mit besonders hohem Engagement zu identifizieren.
Die Nachfrage nach nachbarschaftlicher Unterstützung wächst, doch es gibt weiterhin Hürden. Weniger als sechs von zehn Anspruchsberechtigten in Sachsen-Anhalt beziehen die Entlastungsleistung. Um Vorbehalte und Informationsdefizite abzubauen, könnten gezielte Aufklärungskampagnen notwendig sein. Unterdessen schließen Freiwillige wie Kerstin Kränzel Lücken – sie sorgen dafür, dass hilfsbedürftige Menschen nicht nur praktische Unterstützung, sondern auch Gesellschaft erhalten.